Der Vorleser

Der Vorleser

1892/1910 - 1936

Seiten

6. Vorlesung am 30.11.1910

30.11.1910
München

[Karl Kraus las im Jahreszeitensaal in München: Die chinesische Mauer (Elsie Siegel) / Satiren / Heine und die Folgen  / Einiges über Maximilian Harden (Harden-Lexikon) - vgl. Die Fackel 313-314, 31.12.1910, 47-50]

Rezension der Frankfurter Nachrichten und Intelligenzblatt

Der Umstand, daß bei diesem Manne zweitausend Liebesbriefe weißer Frauen gefunden wurden, gebe dem Ereignis seine kulturbange Größe. Dasselbe zeige sich, wenn Menschen fremder Rasse, die Genuß und Ethik auseinanderhalten, sich auf unseren Jahrmärkten zeigen. Auch diese Auseindersetzung in ihrer schlagwortreichen Verallgemeinerung fand lebhaften Beifall, der allerdings zum Teil der blendenden Fassung und der feurigen Wärme des Vortrags zuzuschreiben ist....

Rezension der Volksstimme

Als Kulturkämpfer geißelt Kraus alle Erscheinungen an Unkultur, indessen er geißelt bloß, warum das so ist und wie man die Sache von der Wurzel aus positiv bekämpfen kann, überläßt er besser schon dem ‚Kunstwart‘.

[Volksstimme, zitiert in: Die Fackel 313-314, 31.12.1910, 51] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

Rezension der Frankfurter Zeitung

Unter dem Titel »Die chinesische Mauer« hat der Wiener Satiriker Karl Kraus (der heute Abend in der Frankfurter Gesellschaft für ästhetische Kultur aus seinen Werken vorliest. D. Red.) bei Albert Langen in München einen Band gesammelter Aufsätze herausgegeben, die ursprünglich zum Teil in der ‚Fackel‘, zum Teil im ‚Simplicissimus‘ erschienen sind. Es ist, wie sich von selbst versteht, ein Band Ketzereien, auch viel Kanalräumerarbeit darunter, aber mit silberner Schaufel verrichtet.

7. Vorlesung am 02.12.1910

02.12.1910
Frankfurt

[Karl Kraus las im Saale des Kaufmännischen Vereins aus eigenen Schriften: Die Welt der Plakate / Aphorismen / Einiges über Maximilian Harden (Harden-Lexikon) / Die chinesische Mauer - vgl. Die Fackel 313-314, 31.12.1910, 50-56]

Rezension des Politischen Tageblatt

Die Literarische Gesellschaft hatte den bekannten Satiriker und »Kulturkritiker« Karl Kraus aus Wien zu einem Vortrag aus eigenen Werken gewonnen. Schon lange vor Beginn füllte gestern Abend eine dichtgedrängte Menge den großen Erholungssaal, um den geistreichen Herausgeber der ‚Fackel‘ und Mitarbeiter des ‚Simplicissimus‘ von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Jedenfalls werden alle der Literarischen Gesellschaft für diese Gelegenheit dankbar sein.

Rezension der Allgemeinen Zeitung

Diese Werke waren Feuilletons, die, wenn ich nicht irre, in der ‚Zeit‘ oder im ‚Neuen Wiener Tagblatt‘ schon längst die Druckerschwärze erlitten haben[...] Beißender Hohn, stark mit Sentimentalität von der Donau gemischt, bisweilen vortrefflich glänzend, in der Form, aber doch nur Form, nichts von Inhalt. Am besten wohl war die Übersetzung aus dem Desperanto der Hardenschen Sprache in das gebräuchliche Deutsch. Aber die Einleitung dazu zeugte von dem bedauerlichen Ton eines fast neidisch zu nennenden Urteils über die deutsche Publizistik und ihre besten Vertreter.

Rezension des Volksfreund

[...] im Gegensatz zu anderen Selbstschaffenden über eine anerkennenswerte Vortragskunst verfüge, die dem oft äußerst dürftigen Inhalt nicht wenig zu statten kommt. [...] »Die Welt der Plakate«, eine übrigens recht frische Skizze, leitete die Vorlesung ein. Wenn sie auch auf Originalität weniger Anspruch erheben kann, so zählte sie doch zum besten des Abends. Das gleiche gilt von einer bunten Schar mehr oder minder geistreicher Aphorismen, welche des kristallen Schliffes nicht entbehren. Die Feuilletonisten kommen bei Herrn Kraus nicht besonders weg. Schlechte Erfahrungen?