Karl Kraus ist Freitag zum drittenmal als Vorleser nach Prag gekommen und von einem Kreise ausgewählter Intellektueller mit Begeisterung empfangen worden. Diesmal setzte er die Vorlesung aus eigenen Werken an den Schluß des Abends und begann mit Shakespeares »Timon von Athen«. Die Kunst des Wortes, die hier scheinbar losgelöst von der eigenen Produktion des Rezitators und im Dienste eines Fremden sich zu entfalten hatte, diente im Wesen doch Kraus’ eigener Persönlichkeit. Denn im Mittelpunkt standen die Wutausbrüche des unter dem Pöbel leidenden Timon; und zu diesem Ziel seines Vortrags aus Shakespeare bahnte sich Kraus den Weg durch eine Reihe von Dialogen mit seiner geistigen, ins Gedankliche bohrenden Rhetorik, die er mit überlegenden, erläuternden Handbewegungen unterstützt. Timons Verzweiflung und Wut aber schrie er mit einer rücksichtslosen, fortreißenden Leidenschaft in die Zuhörer hinein. Das Pathos des Hasses kennt man an Kraus; was man aber nicht wußte und was selbst für gute Leser des Wiener Schriftstellers etwas ganz Überraschendes und Neues war, brachte die folgende Vorlesung aus Jean Pauls »Kampanertal«: die Erkenntnis, daß Kraus auch lyrischer Gestaltung fähig ist. Dieser Zerstörer und Verneiner las die Jean Paulsche Prosa mit einer Hingebung, mit einer melodischen Zartheit, mit einer tönenden Anmut, daß im Hörer Visionen von Farben und Klängen aufstiegen. Man hatte das Gefühl, daß dies die vollendete Wiedergabe lyrischer Prosa sei.
Dann folgte die Vorlesung eigener Glossen und Satiren. Auch hier holte des Autors Wort Wirkungen hervor, die dem Leser verborgen geblieben waren. Vor allem ist es merkwürdig, um wieviel menschenfreundlicher Kraus’ Satiren klingen, wenn er selbst sie liest. Sein scheinbar schroffer und egoistischer Individualismus mildert sich hier nicht nur in soziale Güte, sondern wandelt sich zu einer leidenschaftlichen Forderung nach Gerechtigkeit. Unvergeßlich, mit welcher Wut er die geballte Faust auf den Tisch fallen läßt, in höchster Erregung ruft: »Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango«, und noch zitternd aus dem Saal stürmt. Immer wieder verlangten die enthusiasmierten Hörer die Vorlesung weiterer Glossen; und erst nach fast dreistündigem Vortrag trennte sich Kraus von seinen Prager Freunden. st.
[Prager Tagblatt, 24.03.1912, zitiert in: Die Fackel 345-346, 31.03.1912, 26] - zitiert nach Austrian Academy Corpus