Erinnerung von Elias Canetti

„Am 17. April 1924 fand die 300. Vorlesung von Karl Kraus statt. Der Große Konzerthaussaal war dazu vorbestimmt worden... Bald kam Karl Kraus selbst und wurde von einem Beifall begrüßt, so stark wie ich ihn noch nie, nicht einmal bei Konzerten erlebt hatte. [...] Als er Platz nahm und zu sprechen begann, überfiel mich die Stimme, die etwas Unnatürlich Vibrierendes hatte, wie ein verlangsamtes Krähen.  Aber dieser Eindruck verflüchtigte sich rasch, denn die Stimme änderte sich gleich und änderte sich weiter unaufhörlich, und sehr bald schon staunte man über die Vielfalt, deren sie fähig war. Die Stille, mit der sie anfangs aufgenommen wurde, erinnerte nun doch an ein Konzert, aber es herrschte eine ganz andere Art von Erwartung. Von Anfang an und während der ganzen Veranstaltung war es die Stille vor einem Sturm. Schon di erste Pointe, eigentlich war es nur eine Anspielung, wurde durch ein Gelächter vorweggenommen, das mich erschreckte. Es klang begeistert und fanatisch, befriedigt und drohend zugleich“, es kam, bevor noch eigentlich ausgesprochen war, worum es ging. Aber auch ausgesprochen hätte ich es nicht begreifen können, denn es bezog sich auf etwas Lokales, auf etwas, das nicht nur mit Wien zusammenhing, sondern das auch zu einer Intimität zwischen Kraus und seinen Hörern geworden war, die danach verlangten.“

[Elias Canetti, Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931, München 1980, zitiert nach: Friedrich Pfäfflin (Hg.), Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern, Göttingen 2008, 222]

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Datum: 
1980